In einem Interview für das investigative Magazin message-online kritisiert der Stern-Reporter Kuno Kruse (Mitbegründer der taz, Träger des Egon-Erwin-Kirsch-Preises) anhand der aktuellen Berichterstattung über die Hells Angels und andere Rockergruppen, wie justizgläubig und wenig kritisch Journalisten im Regelfall heutzutage Behördeninformationen übernehmen und verbreiten. Er stellt dar, wie in den letzten Monaten medial ein „Rockerkrieg“ hochstilisiert wird, den es so schlicht nicht gibt. Kruse beklagt insbesondere, dass seine Kollegen Behördenstellungnahmen blind vertrauen, anstatt sie durch eigene Recherchen zu überprüfen (ewig gültige Orientierung: If your mother says she loves you- check it out!).
Diese Kritik ist richtig. Wir sehen sie schon seit vielen Jahren bestätigt. Je kleiner die Zeitung, je weniger Wert auf Gerichtsreportagen und Gerichtsreporter gelegt wird, desto eher wird atemlos und ungeprüft mitgeschrieben, was der Staatsanwalt in und vor dem Gerichtssaal von sich gibt. Es ist dabei eher die Ausnahme als die Regel, dass die Verteidigung vor Redaktionsschluss überhaupt zu ihrem Standpunkt gefragt wird. Zuweilen artet Berichterstattung über Strafprozesse und Angeklagte geradezu geifernd aus, dafür werden gleichzeitig juristische und strafprozessuale Grundbegriffe verwechselt.

Woran liegt das? Sparzwänge in Redaktionen wurden bereits vor Jahren von Leyendecker und Friedrichsen zu recht beklagt. Darüber hinaus aber scheinen Journalisten zuweilen nicht genügend zu berücksichtigen, dass (nach Ostendorf) mit Angst gut Politik gemacht werden kann und die Strafjustiz hierfür ein prächtiges Betätigungsfeld darstellt. Ostendorf spricht von einem „medialen Verstärkerkreislauf“, der heutzutage schnell sein Eigenleben führt.

Politiker benutzen Behördentätigkeiten zur eigenen Positionierung und zum Wählerstimmenfang. Behörden benutzen Einzelfälle, um sich selbst und ihre nicht selten auch politische Führung herauszustellen. Wer das nicht glaubt, mag sich beispielsweise die Presserichtlinien NRW ansehen. Sehr viel steht dort geschrieben zum erwünschten Präsentationseifer der Justizbehörden, sehr wenig über Unschuldsvermutung und Zurückhaltung bei justizieller Pressearbeit. Ein Schmerzensgeldurteil zu Lasten einer Staatsanwaltschaft wegen falscher Presseunterrichtung über einen Beschuldigten dürfte es nie geben, gibt es aber. Ebenso aktuell gerade die medial inszenierte Schaufestnahme eines Strafverteidigers (unsere Meldung hier vom 25.06.2012).

Zu wünschen wäre, dass Journalisten allen Behördenangaben in Strafverfahren ebenso kritisch gegenüberstehen wie den Statements der Verteidigung. Beides ist geboten, aber eben in gleicher Weise. Zu wünschen wäre, dass Medien ihre Kontrollfunktion wahrnehmen. Staatliche Stellen müssen in einer Demokratie immer kontrolliert (und nicht kritiklos bejubelt) werden. Viel mehr als Beschuldigte und Verteidiger.

Den Link zum Interview mit Kuno Kruse finden Sie hier: http://www.message-online.com/archiv/message-3-2012/leseproben/missbrauchte-rechercheure/

Ingo Minoggio, Peter Wehn